Wachstum kostet wenn operative Prozesse nicht mithalten
- Aleksandar Minic

- 26. Dez. 2025
- 2 Min. Lesezeit

Wachstum wird in vielen Unternehmen als eindeutiger Beweis für Erfolg verstanden. Mehr Kunden, steigender Umsatz und wachsende Teams gelten als Zeichen dafür, dass die strategische Ausrichtung stimmt. In der operativen Realität zeigt sich jedoch häufig ein anderes Bild. Je stärker ein Unternehmen wächst, desto deutlicher treten strukturelle Schwächen zutage, die lange Zeit kompensiert oder überdeckt wurden. Nicht selten ents
teht genau in dieser Phase der Eindruck, dass das Unternehmen zwar wirtschaftlich wächst, operativ jedoch zunehmend an Kontrolle verliert.
In kleinen Organisationen funktionieren viele Abläufe implizit. Entscheidungen werden informell getroffen, Prozesse sind personenabhängig und Wissen ist nicht explizit dokumentiert. Solange die Organisation überschaubar bleibt, ist das effizient und oft sogar schneller als formale Strukturen. Mit zunehmender Grösse kehrt sich dieser Vorteil jedoch um. Die informellen Mechanismen, die zuvor Flexibilität ermöglicht haben, werden zu einem Risiko. Prozesse werden uneinheitlich, Verantwortlichkeiten verschwimmen und Entscheidungen benötigen immer mehr Abstimmung.
Operative Komplexität ist dabei kein abstraktes Organisationsproblem, sondern wirkt sich unmittelbar auf Zeit, Kosten und Entscheidungsfähigkeit aus. Wenn Abläufe nicht klar definiert sind, entstehen Rückfragen, Nacharbeiten und Doppelspurigkeiten. Wenn Verantwortlichkeiten nicht eindeutig geregelt sind, werden Entscheidungen verzögert oder ganz vermieden. Wenn Transparenz fehlt, steuert das Management auf Basis von Annahmen statt belastbarer Informationen. Diese Effekte summieren sich und führen dazu, dass operative Kosten schneller steigen als der Umsatz.
Viele Unternehmen reagieren auf diese Entwicklung mit Massnahmen, die kurzfristig Entlastung versprechen, langfristig jedoch neue Komplexität erzeugen. Neue Tools werden eingeführt, zusätzliche Rollen geschaffen oder Koordinationsgremien etabliert. Ohne klare Prozesse und Entscheidungslogiken verstärken diese Massnahmen jedoch häufig genau die Probleme, die sie lösen sollen. Technologie ersetzt keine Struktur, sie multipliziert sie. Organisationen, die ohne operative Klarheit digitalisieren oder reorganisieren, verlagern bestehende Schwächen lediglich in neue Systeme und Formate.
Der entscheidende Hebel liegt deshalb nicht in einzelnen Optimierungen, sondern in operativer Klarheit. Unternehmen, die Wachstum beherrschbar machen, schaffen Transparenz über ihre zentralen Abläufe, definieren verbindliche Verantwortlichkeiten und etablieren klare Steuerungsmechanismen. Sie reduzieren individuelle Sonderlösungen zugunsten standardisierter Prozesse dort, wo diese den grössten wirtschaftlichen Effekt haben. Gleichzeitig trennen sie operative Ausführung konsequent von Managementsteuerung und schaffen Entscheidungsgrundlagen, die auf Fakten statt auf Erfahrung beruhen.
Ein zentrales Problem besteht darin, dass operative Themen häufig zu lange aufgeschoben werden. Solange das Tagesgeschäft funktioniert und die wirtschaftlichen Kennzahlen stimmen, erscheinen strukturelle Anpassungen nicht dringend. Erst wenn das Management dauerhaft operativ eingreifen muss, Entscheidungen blockiert werden oder Kosten aus dem Ruder laufen, wird die Notwendigkeit offensichtlich. Zu diesem Zeitpunkt ist der Handlungsdruck jedoch deutlich höher und der Gestaltungsspielraum kleiner.
Der erste sinnvolle Schritt besteht daher nicht in der Einführung neuer Systeme oder in gross angelegten Transformationsprogrammen, sondern in einer nüchternen Standortbestimmung. Entscheidend ist die Klärung, wo im Unternehmen operative Reibung entsteht, welche Prozesse geschäftskritisch sind, wo Verantwortlichkeiten unklar sind und welche Themen den grössten wirtschaftlichen Hebel haben. Ohne diese Transparenz bleiben Massnahmen zufällig und riskant.
Wachstum an sich ist kein Problem. Unkontrollierte operative Komplexität hingegen schon. Unternehmen, die operative Klarheit schaffen, gewinnen nicht nur Effizienz, sondern auch Entscheidungsfähigkeit, Steuerbarkeit und langfristige Skalierbarkeit. Der Unterschied liegt dabei selten in der Strategie, sondern fast immer in der Qualität der operativen Umsetzung.
Der nächste sinnvolle Schritt besteht darin, operative Realität sichtbar zu machen und belastbare Entscheidungsgrundlagen zu schaffen. Erst auf dieser Basis lassen sich Massnahmen priorisieren, die Wirkung entfalten und Wachstum wieder beherrschbar machen.

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